• Iris

Meine Geburtsvorbereitung mit Hypnose

Aktualisiert: 4. März 2021

"Ich atme jetzt mein Kind aus!" Ich musste selber etwas lachen, als ich der Hebamme im Kreissaal diesen Satz entgegenhielt. Denn die Situation erschien mir irgendwie absurd. Die Hebamme, mitte Vierzig, Kurzhaarschnitt wie in der Armee, hatte das Kommando seit ein paar Stunden übernommen und mich gerade im Oberbefehlston angeherrscht, ob ich nicht wisse, wie man richtig presse. Den vulgären original Wortlaut erspare ich euch.

Ich hatte wirklich nicht gepresst. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt eisern daran festgehalten, meine Geburtsmethode umzusetzen, das Hypnobirthing. Ich wollte mein erstes Kind selbstbestimmt und sanft gebären. Und daran ist natürlich eigentlich gar nichts witzig.


Im Hypnobirthing wird von angeleitetem Pressen eher abgeraten, weil es oft mit Geburtsverletzungen einhergeht. Stattdessen sollen Frauen in der Endphase der Geburt beim Ausatmen an ein J denken und nach unten atmen. Mit Meditation und verschiedenen Mentaltechniken, die ich vorher fleißig geübt hatte, sollen wir Frauen entspannt bleiben unter der Geburt, so dass alle Hormone ungestört wirken können. Denn der Körper produziert seine eigenen Schmerzmittel: Endorphine, die 200 mal stärker wirken, als Morphin - eines der stärksten künstlichen Betäubungsmittel. Tatschlich konnte ich die Geburtswehen bei meiner ersten Geburt 16 Stunden ohne Medikamente gut aushalten. Das änderte sich erst, als die Ärzte einen Wehentropf für notwendig befanden. Ich habe mich auf meine erste Geburt 2017 mit klassischem Hypnobirthing vorbereitet. Hier berichte ich Euch von meinen Erfahrungen und erzähle, was ich beim zweiten mal anders mache.


Klassisches Hypnobirthing und meine erste Geburt

In meiner ersten Schwangerschaft habe ich mir den Klassiker besorgt: Das Buch "Hypnobirthing" von Marie F. Mongan. Sie ist fast so etwas wie die Erfinderin der Technik. Die Grundidee ist die Annahme, dass Geburt nicht schmerzhaft sein muss und dass wir in unserer zivilisierten Welt, das "gute Gebären" verlernt haben. Durch die vielen negativen Berichte über schmerzhafte Geburten geraten Frauen in einen Angst-Schmerz-Kreislauf, den als erstes der britische Gynäkologe Grantly Dick-Read in den 1930 Jahren entdeckte. Durch die Angst verkrampfen die Gebärenden, so dass ihr Körper nicht effektiv arbeiten kann. Das Stammhirn bereitet den Körper auf Kampf oder Flucht vor. Die Durchblutung in den für die Geburt notwendigen Organgen nimmt ab. Ein schlecht durchbluteter Muttermund allerdings wird fest und bereitet dann in der Eröffngsphase der Geburt Schmerzen. Stress-Hormone wie Cortisol, das bei Angst ausgeschüttet wird, wirken gegen die Geburtshormone wie Oxytocin, die der Körper produziert.


Mongan erklärt in dem Standardwerk verschiedene Selbsthypnose-Methoden, die zu einer schmerzärmeren oder gar schmerzfreien Geburt führen können. Denn Hypnose senkt z.B. den Cortisolspiegel. Im Zentrum stehen spezielle Atem- und Visualisierungstechniken, die vor der Geburt geübt werden sollen. Im Kern geht es eigentlich um Entspannung, also dabei seid ihr nicht weggetreten oder so. Sehr bekannt ist beispielsweise die "Regenbogenmeditation", die ihr auch auf Youtube finden könnt. Dabei stellt ihr euch vor, auf einer Wolke zu liegen und visualisiert verschiedene Farben. Es gibt aber auch zum Beispiel die Übung mit dem "Silberhandschuh": Dabei stellt man sich vor, dass der Geburtsbegleiter einen silbernen Handschuh überstreift, der bei Berührung Endorphine durch deinen Körper fließen lässt. Die Entspannung breitet sich im ganzen Körper aus und Körperteile werden regelrecht taub. Das hat beim Üben tatsächlich bei mir recht gut geklappt. Eine andere Übungsmethode ist dasThermometer: Du stellst dir deinen Körper als Thermomether vor und lässt die Entspannung einströmen. Die Gelassenheit steigt mit den Zahlen immer höher.


Zusätzlich zu der Lektüre des Buches habe ich bei einer Frankfurter Psychologin einen Hypnobirthing-Kurs besucht. Sie hat mit uns erarbeitet, welche Hypnosemethoden am besten bei uns wirken. Manche Menschen sind zum Beispiel sehr zahlenaffin und dann funktioniert z.B. das Thermometer gut. Andere können gut visualisieren - also sich etwas bildlich vorstellen - dann passt die Regenbogenmeditation gut. In ihrem Kurs bekam ich eine CD mit zwei aufgesprochenen Meditationen.


Den Neocortex ausschalten

Heute denke ich, dass mir zum Fallstrick wurde, dass ich eines der wichtigsten Elemente nicht richtig umsezten konnte: Das Loslassen, das Hinabsinken, die Hingabe an die Geburt. Stattdessen hatte ich mich auf die Geburt vorbereitet wie auf eine Uniprüfung. Mit Karteikarten. Ich war ständig am Nachdenken, welche Meditation oder welche Position als nächstes helfen könnten. Jetzt die Regenbogenmeditation, jetzt mal der Silberhandschuh zur Betäubung. Mal die eine Meditation der Psychologin, mal eine aus dem Hypnobirthing Buch. Ich hatte einfach zu viele Instrumente an der Hand. Das hat meinen Neocortex gut beschäftigt, das Wachbewusstsein. Und dabei ist es eigentlich das Ziel im Hypnobirthing, genau diesen Neocortex so weit wie möglich auszuschalten. Denn dort sitzt auch das Schmerzempfinden. Je weniger er aktiv ist, desto weniger schmerzhaft wird die Geburt empfunden. Aber das wurde mir erst bei der Vorbereitung auf meine zweite Geburt klar. Aktuell bin ich mit meinem zweiten Kind schwanger. Und ich bereite mich erneut mit Entspannung und Meditation auf die Geburt vor. Denn ich denke weiterhin, dass es der richtige Weg ist - trotz einer eher traumatisch geendeten ersten Geburt mit Saugglocke.


Was ich diesmal anders mache


Wieder Vorbereitung mit Hypnose

Diemal bereite ich mit der Methode von Kristin Graf vor. Sie heißt "Die Friedliche Geburt". Ich habe mich für den Online-Kurs entschieden, der viele Audiodateien zur Meditation und ein Onlinevideoseminar zur theoretischen Vorbereitung enthält. Die Methode ist in ein paar entscheidenden Punkten anders als klassisches Hypnobirthing, geht aber von den gleichen Grundannahmen aus - nämlich dass Geburt nicht immer schmerzhaft und schrecklich sein muss, sondern dass wir es einfach verlernt haben als das intelligenteste Säugetier auf unserer Erde.


Stets vom Besten ausgehen Der größte Unterschied für mich: Kristin setzt stark darauf, auch gegenüber dem geburtsbegleitenden Personal in der Klinik positiv eingestellt zu bleiben. Als ich mich mit dem klassischen Hypnobirthing vorbereitet habe, hatte ich das Gefühl, Krankenhaus und Hypnobirthing sind ein Widerspruch. Mein Partner müsse mich unbedingt vor einer Interventionskaskade beschützen. Marie Mongan berichtet drastisch von ihren Erfahrungen mit übergriffigem medizinischem Personal in den 70ern. Mir ist klar, das es auch heute noch übergriffige Ärzte oder Hebammen in der deutschen Geburtshilfe gibt, schließlich hatte ich ja auch so eine rabiate Hebamme bei meiner ersten Geburt erlebt. Aber von vornherein vom Schlimmsten auszugehen, verhindert etwas ganz wichtiges bei Geburt: sich sicher fühlen. Nur wer sich sicher fühlt, wird auch gut gebären können. So musste es die Natur einrichten: Im Angesicht eines Säbelzahntigers Wehen zu bekommen, hätte die Art Mensch nicht vorangebracht.


Nur dass wir heute nicht mehr vor wilden Tieren Angst haben, sondern vor der Geburt selber oder vor dem Krankenhaus. Daher setzt die Friedliche Geburt darauf, dem Geburtsteam einen Vertrauensvorschuss zu geben. In Kristins Methode lernt der Geburtsbegleiter, die Kommunikation während der Geburt zu übernehmen und die Notwendigkeit von Interventionen in einem konstruktiven, freundlichen Dialog zu hinterfragen. Die Gebärende bleibt hingegen ganz bei sich, soll möglichst nicht angesprochen werden und hat ihrem Geburtsbegleiter vorher genau erläutert, was sie möchte und was nicht. Sollte es nötig werden, dass die Gebärende doch wichtige Entscheidungen trifft, kann im Kurs vorher geübt werden, schnell aus der Hypnose auf zu tauchen - und dann wieder hinunter zu gleiten in die Entspannung.


Was die Furcht vor dem Krankenhaus bewirken kann, habe ich auch bei meiner ersten Geburt erlebt: Zuhause hatte ich regelmäßige Wellen alle zwei Minuten, ich kam in der heimischen Badewanne super klar. Ich freute mich einfach auf mein Baby und stellte mir vor, die Schmerzen auszuatmen. Kaum war ich im Kreissaal, kamen die Wellen nur noch alle acht Minuten. Schon im Auto zum Krankenhaus war ich aus meiner Entspannung geflogen und hatte Schwierigkeiten, wieder hinein zu finden. Der Kopf war angesprungen und ratterte in einem fort.


Auch wenn du dich nicht mit Hypnose vorbereitest, rate ich dir daher auf jeden Fall: Schließe unter Geburt die Augen und konzentriere dich auf dich selbst und dein Baby. Blende alles andere aus. Dein Körper kann gebären. Dafür ist er gemacht. Du kannst das.

Offen bleiben für alternative Geburtsverläufe

Kristin legt den Kursteilnehmerinnen ans Herz, offen zu bleiben für andere Geburtsverläufe oder notwendige Inteventionen. Sie macht schon vorher klar, dass du als Frau nicht versagt hast, nur weil du nicht interventionsfrei oder schmerzfrei gebären konntest. Stattdessen geht es darum, selbstbestimmt zu bleiben. Sie sagt, dass wir als Gebärende - ganz egal wie gut wir uns vorbereiten - am Ende nur zirka 80 Prozent in der Hand haben, wie die Geburt verlaufen wird. Manche Dinge - wie etwa, ob sich das Kind richtig in den Geburtskanal eindreht - liegen einfach nicht in unserer Macht. Und dann ist es gut, dass es die moderne Medizin gibt.

Das zu hören, war für mich sehr heilend. Vielleicht war ich gar nicht selber schuld an meinem negativen ersten Geburtserlebnis! Vielleicht habe ich einfach die zwanzig Prozent erwischt. Tatsächlich war meine Tochter unter der Geburt nämlich lange ein Sternengucker - das heißt sie lag mit dem Gesicht nach vorne statt mit dem Hinterkopf - und fand daher nur schwer den Weg durch mein Becken.


Ein guter Werkzeugkasten

Für die 80 Prozent, die du als Gebärende selbst in der Hand hast, gibt es einen guten Werkzeugkasten im Onlinekurs von Kristin. Auch bei der Friedlichen Geburt geht es wie im klassischen Hypnobirthing darum, in einen tiefenentspannten, Trance-ähnlichen Zustand zu kommen, in dem die Wellen gut auszuhalten sind. Hin und wieder gibt es Frauen, die gar keine Schmerzen haben.

Mir hat geholfen, dass es klare Anweisungen gibt, was zu tun ist und wie ich in die Entspannung komme.

Es gibt Meditationen zur Vorbereitung, um Kristins Stimme schon mit Entspannung zu verknüpfen. Und es gibt spezielle Meditationen für die Geburt. Kristin unterfüttert alles gut mit Fakten. Hypnose wird beispielsweise auch bei schwierigen Gehirn-OPs eingesetzt. Es ist belegt, dass ein tiefenentspannter Zustand das Schmerzempfinden ausschalten kann. Nur erfordert der Weg dorthin eben viel Übung, daher wird Hypnose als Betäubungsmittel so wenig eingesetzt.


Die Audiodateien sind sehr professionell eingesprochen -deutlich, deutlich besser als bei meinem ersten Kurs bei der Frankfurter Psychologin! Und das alleine ist schon was wert, weil ich mich super leicht ablenken lasse mit solchen Gedanken wie: der Ton ist aber schlecht! Da war ein Rauschen. Was war das für eine komische Betonung? Hahaha. Und dann kann ich mich nicht mehr auf die Entspannung fokussieren. Ich war nach wenigen Tagen Üben total auf Kristins Stimme konditioniert - die ich übrigens mega angenehm finde. Das heißt, dass ich ihre Stimme so sehr mit Entspannung verknüpft habe, dass ich mich schon beim ersten Wort von ihr merklich entspannt habe (Kennt ihr den pawlowschen Hund noch aus dem Biologieunterricht? Darum geht's).

Zusätzlich arbeitet die Methode mit hypnotischen Ankern. Das wird im klassischen Hypnobirthing auch empfohlen. Durch Kristins Onlinekurs und die konkreten Übungen für Partner habe ich meinen Mann dieses mal - im Gegensatz zum ersten mal - überzeugen können mitzumachen.


Ähnlich wie beim Hypnobirthing, wo empfohlen wird, sich eine öffnende Blume während der Eröffnungsphase vorzustellen, empfiehlt auch Kristin, mit der Vorstellungskraft zu arbeiten.


Hilfe in schwierigen Situationen in der Schwangerschaft

Gut finde ich an dem Kurs auch, dass es zusätzlich zu geburtsvorbereitenden Meditationen richtig gute Meditationen für unterschiedliche Situationen in der Schwangerschaft gibt. So hatte ich zum Beispiel mehrfach Blutungen und habe dann die "Meditation bei vorzeitigen Wellen" gehört. Im letzten Drittel der Schwangerschaft lag mein Kleiner einige Zeit quer im Bauch. Das würde einen Kaiserschnitt unausweichlich machen. Da habe ich die "Meditation bei Beckenendlage" gehört (Beckenendlage bedeutet, dass das Kind mit dem Po voraus liegt und nicht mit dem Kopf). Das hat von den Worten her trotzdem gut gepasst. Und siehe da: Er hat sich schnell wieder zurück gedreht. Außerdem gibt es eine Audiodatei zur Aufarbeitung eines Geburtstraumas. Sie hat mir sehr geholfen, mit den negativen Erfahrungen aus der vergangenen Schwangerschaft umzugehen. Insgesamt hat mich das viele Meditieren in der Schwangerschaft ungemein entspannt und ich habe mich trotz einer schwierigen ersten Geburt und inmitten der Coronakrise richtig auf mein zweites Kind gefreut. Das war ein ganz neues Gefühl für mich.


Geschützter Raum

Kristin achtet sehr genau darauf, dass es keine ausufernden Berichte von traumatischen Geburten in der zugehörigen Facebook-Gruppe oder in den Präsenzkursen gibt, damit Erstgebärende aufgrund der Erzählungen keine Angst entwickeln vor der Geburt. In meinem ersten Hypnobirthing-Kurs bei der Frankfurter Psychologin waren zwei traumatisierte Zweitgebärende dabei, die immer wieder über ihre ersten Geburten gesprochen haben. Das ist zwar grundsätzlich richtig und gut für die Betroffenen, aber für mich und die anderen Erstgebärenden fand ich es wirklich belastend. Es hat mir Angst gemacht. Es war einfach der falsche Ort aus meiner Sicht.


*****


Das las sich nun fast wie ein kleiner Werbefilm für die Friedliche Geburt. An dieser Stelle möchte ich aber sagen, dass ich den Onlinekurs selbst bezahlt habe und das hier keine beauftragte Werbung ist.

Aber ich bin wirklich recht überzeugt von der Methode und wollte meine Erfahrungen daher gerne mit euch teilen. Wie die Methode mir unter der Geburt geholfen hat, werde ich wohl bald mal für euch aufschreiben. Außerdem habe ich mich bei meiner zweiten Schwangerschaft auch für einen alternativen Geburtsort entschieden, nämlich eine Hebammenpraxis. Aber das erzähle ich euch ein anderes mal.


Wunderschöne Kugelzeit wünsche ich euch!


Eure Iris


Edit: Anfang März 2021 wurde ich vom Team der Friedlichen Geburt gebeten, zu detaillierte Beschreibungen der Methode aus diesem Text zu entfernen. Dieser Bitte bin ich nachgekommen.

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